Roberto Bolano

1 Der Teil der Kritiker

Roberto Bolaño, © The Estate of Roberto Bolaño
Roberto Bolaño, © The Estate of Roberto Bolaño

Doch fangen wir am Anfang an, oder besser: dort, wo der Roman einsetzt. Der Teil der Kritiker ist das erste Buch von 2666 überschrieben, fast so als würde es sich um die Folge einer amerikanischen Fernsehserie handeln. Tatsächlich stellt sich zunächst die Frage, ob man es bei den etwa 200 Seiten vom Teil der Kritiker wirklich mit dem ersten Teil oder nicht eher mit einem eigenständigen Roman zu tun hat. Bolaño selbst wollte angesichts der Möglichkeit eines nahen Todes, dass die fünf Teile von 2666 separat veröffentlicht würden, jedes Jahr einer. Seine Nachlassverwalter jedoch haben seine Entscheidung revidiert und den Roman im Ganzen veröffentlicht, und dafür ist ihnen zu danken. Denn wenn die fünf Teile auch getrennt voneinander funktionieren, zusammen funktionieren sie noch besser.

Vordergründig erzählen sie zwar erst einmal ganz unterschiedliche Ge-schichten, doch nach und nach stellt sich heraus, dass sich ihre Gegenstände überschneiden, dass die Teile motivisch stark miteinander verknüpft sind, dass teilweise dieselben Personen auftauchen und dass ein ganz bestimmter Ort, Santa Teresa, immer wieder Schauplatz der Handlung ist. All diese Verbindungen lassen sich allerdings nur überblicken, wenn man das Buch am Stück liest: Zu reichhaltig ist jeder Teil an Informationen, als dass man sich alles über längere Zeit hinweg merken könnte.

Schon im Teil der Kritiker taucht man in vier Leben zugleich ein, in das Leben von vier Literaturwissenschaftlern: eines Spaniers, eines Italieners, eines Franzosen und einer Engländerin. Alle vier haben sie sich auf das Werk eines gewissen Benno von Archimboldi spezialisiert, eines 1920 geborenen deutschen Schriftstellers. In den 1970er Jahren, so wird erzählt, ist sein Werk noch nahezu unbekannt, wird kaum gekauft und noch weniger gelesen. Nach und nach aber, auch durch das Engagement der Literaturwissenschaftler, gewinnt es an Zuspruch, ja, irgendwann gilt Benno von Archimboldi sogar als Kandidat für den Nobelpreis. Fraglich ist nur, ob er zur Preisverleihung überhaupt erscheinen würde. Niemand nämlich weiß, um wen es sich bei Archimboldi in Wirklich-keit handelt. Niemand hat ihn seit Jahren gesehen oder gesprochen, fast nichts ist über seine Biographie bekannt. Er ist ein Phantom.

»Bücher sind Wege, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss, um sich zu verirren und wieder zu finden oder um etwas zu finden, was auch immer, ein Buch, eine Geste, einen verlorenen Gegenstand, irgendetwas, vielleicht eine Methode, mit etwas Glück: das Neue, das, was immer schon da war.«
Roberto Bolaño in Literatur und Krankheit

   
Der Roman folgt den Lebenswegen der vier Literaturwissenschaftler, ihrem wenig aufregenden Leben, das sich vor allem auf und zwischen zahlreichen germanistischen Kongressen abspielt. Dort lernen sie einander kennen, und der Franzose und der Spanier lernen die Engländerin überdies auch lieben. Sie wiederum geht mit den beiden ins Bett, ein Arrangement, das zwar eine gewisse Nähe und Wärme herstellt, im Ganzen aber bleibt ihr Alltag trist, ganz dem Werk des abwesenden Anderen, Archimboldi, verschrieben.

So trägt Der Teil der Kritiker zwar Züge einer Wissenschaftssatire, die Absurdität all der austauschbaren Kongresse, die Fehden zwischen den unterschiedlichen Fraktionen der Archimboldi-Forschung aber reizen nicht unbedingt zum Lachen. Nichts aber läge Bolaño ferner, als sich über seine Figuren lustig zu machen. Er nimmt sie, wenn man das so sagen kann, wie sie sind. Als hätte er sie aufgelesen, irgendwo auf seinem eigenen Lebensweg, seinen Reisen und Fluchten von Chile über Mexiko nach Spanien. Es sind Wesen ganz eigenen Rechts, fremdartig auf eine Weise, auch wenn der Autor oder sein Erzähler mitunter wissen, was in ihren Köpfen vorgeht.
    
Das Wissen um die Gedanken und Gefühle eines anderen Menschen, so scheint es hier, reicht allerdings nicht, es bleibt stets eine Leerstelle, die Bolaño sich nicht anmaßt auszufüllen, die er auszufüllen nicht bereit ist. Denn gerade um solche Leerstellen kreist sein Roman, als wären es körperlose Gravitationszentren, die das Erklär- und Erzählbare auf seiner Bahn halten.
    
Auch im Leben der vier Literaturwissenschaftler gibt es ein solches Gravitationszentrum: Sie kreisen um das Werk Archimboldis wie um eine leere Mitte. Erst als sie von einem mexikanischen Diplomaten einen Hinweis auf Archimboldis Aufenthaltsort erhalten, kommt so etwas wie Leben in ihr Leben. Mit einem Mal scheinen sie schneller zu rotieren: Bis auf den an den Rollstuhl gefesselten Italiener machen sie sich, so vage die Hinweise auch sein mögen, auf nach Mexiko, in den an die USA grenzenden Bundesstaat Sonora, genauer: nach Santa Teresa, einen Ort, dessen Name zwar fiktiv ist, dessen grausame Geschichte und Gegenwart sich aber mit der der Grenzstadt Ciudad Juárez decken.