
Die Wissenschaftler werden Benno von Archimboldi nicht finden. Sie werden auch nicht zu sich selbst finden, wie man es von solch einer literarischen Reise vielleicht erwarten würde. Im Gegenteil: Sie scheinen sich zu verlieren, seltsamer zu werden, als würde ihnen an diesem Ort inmitten der heißen mexikanischen Wüste etwas entzogen.
Dinge, Ideen, Menschen, die verschwinden und die nicht da sind, darum geht es Roberto Bolaño seit jeher. Sein erster großer Romanerfolg Die wilden Detektive (1998, deutsch 2002) erzählt von einer doppelten Spurensuche: Zwei junge Dichter jagen darin einem Phantom, einer mythisch verklärten Dichterin, hinterher. Dann aber scheinen die Dichter selbst zu verschwinden, und ein vielhundertseitiges Netz aus Zeugnissen von Leuten, mit denen sie zu tun hatten, legt sich über die Leerstelle, die ihr Verschwinden schuf.
Verschwundene, »desaparicidos«, haben, das muss nicht unbedingt gesagt werden, im lateinamerikanischen Kontext eine besondere Bedeutung: Hier sind in vielen Ländern unter vielen Diktaturen immer wieder Menschen verschleppt worden, und selten haben die Angehörigen erfahren, was mit ihnen passiert ist, wo sie oder ihre Leichen geblieben sind. In anderen Romanen kommt Bolaño darauf noch deutlicher zu sprechen, etwa im Chilenischen Nachtstück (2000, deutsch 2007), wo der Protagonist durchaus von den Folterkellern weiß, die unter den Sälen liegen, in denen er mit anderen Privilegierten fröhliche Feste feiert. Sein Wissen zu verdrängen gelingt ihm gleichwohl nicht ganz.
Und schließlich gibt es noch jene anderen Verschwundenen, die Täter nämlich, die sich den Gerichten entziehen. So zum Beispiel Carlos Wieder in Stern in der Ferne (1996, deutsch 2000), ein Dichter, der, als seine pompös-faschistischen Verse und seine ganz handfeste Unterstützung des Militärregimes nicht mehr gefragt sind, untertaucht und fortan als Gespenst durch abwegige europäische Literaturzeitschriften geistert.
Auch im zweiten Teil von 2666 ist von Verschwundenen die Rede, hier geht es aber vor allem um das Verschwinden der Vernunft. Hauptfigur ist nun eine Nebenfigur aus dem ersten Teil, der Philosophielehrer Amalfitano, den es mitsamt seiner Tochter Rosa nach Santa Teresa verschlagen hat. Amalfitanos Frau hat die beiden viele Jahre zuvor verlassen, von der fixen Idee besessen, sie sei für einen Dichter bestimmt, der in einer spanischen Irrenanstalt lebt. Auch Amalfitano scheint allmählich den Verstand zu verlieren. Er hört Stimmen, vernachlässigt seine Arbeit an der Universität, spricht mit kaum jemandem und weiß nicht mit den Versuchen seiner Umwelt umzugehen, ihn in eine Art Sozialleben zu integrieren.
Fast könnte man meinen, von Santa Teresa ginge eine dunkle Macht aus, die die Gedanken und Empfindungen ihrer Bewohner desintegriert. Doch an keiner Stelle gerät Bolaño ins Raunen, nie evoziert er das Unheimliche; sein Stil bleibt sachlich, zuweilen fast protokollartig. Ganz selten gibt es Momente, in denen man meint, Ironie zu vernehmen. Amalfitano selbst scheint ein ironischer Mensch zu sein. Als ihm ein mathematisches Lehrbuch des galicischen Dichters Rafael Dieste in die Hände gerät, hängt er es auf eine Wäscheleine vor seinem Haus, auf dass der Wind in den Seiten blättere und sich jeweils das mathematische Problem auswähle, das ihm gerade genehm ist.
Die Idee für eine solche Installation stammt von Marcel Duchamp. Amalfitano ist sich dieses Zitats bewusst, und er erfreut sich daran. Seine Tochter allerdings macht sich immer mehr Sorgen um ihn, und natürlich lässt sich angesichts dieser Verschrobenheit leicht über die Nähe von Genie und Wahnsinn nachdenken.
Tatsächlich aber hat man es hier mit einem der wenigen poetolo-gischen Hinweise zu tun, die sich in Bolaños Werk entdecken lassen. Sein Roman nämlich funktioniert ganz ähnlich wie ein ready-made: Bolaño arrangiert die unzähligen Geschichten, aus denen sich 2666 zusammensetzt, hintereinander, ganz so als wären sie gegeben und er bloß derjenige, der sie gleichmütig referiert. Nirgends drängt sich der Eindruck auf, hier sei irgendetwas kunstvoll verwoben, ja, es geht diesem Werk jegliches Artifizielle ab. Es folgt, so scheint es, allein den Gegebenheiten. Und das eben ist die hohe Kunst.
»Für den wirklichen Schriftsteller sind Bücher die einzige Heimat, Bücher, die auf Regalen stehen oder in seiner Erinnerung.«
Roberto Bolaño in Literatur und Exil
Natürlich gibt es Muster, wiederkehrende Motive, aber keine Regel, nach der das Ganze funktioniert. So unterliegt der Roman, so aufgeräumt und klar er vordergründig wirkt, doch einem chaotischen Prinzip, bleibt immer unberechenbar. »Der Stil war eigenartig«, heißt es über das Werk Benno von Archimboldis, »die Schreibweise klar, streckenweise geradezu transparent, aber die Art, wie sich die Ereignisse aneinanderreihten, führte nirgendwohin: Übrig blieben nur die Kinder, ihre Eltern, die Tiere, einige Nachbarn, und am Schluss war eigentlich nur noch die Natur übrig, eine Natur, die sich in einem kochenden Bottich nach und nach auflöste, bis sie schließlich ganz verschwand.«