Roberto Bolano

3 Der Teil von Fate

Roberto Bolaño, © The Estate of Roberto Bolaño
Roberto Bolaño, © The Estate of Roberto Bolaño

Jahrzehntelang hat Roberto Bolaño ausschließlich Gedichte geschrieben, und als mit der Prosa der Erfolg kam, sah er sich immer noch vor allem als Lyriker. Diese an Besessenheit grenzende Begeisterung für die Verskunst lässt sich sehr schön in den Wilden Detektiven beobachten, wo die jungen Dichter sich in abstrusesten Fachsimpeleien über die Feinheiten von Rhythmus, Versform und rhetorischen Figuren ergehen. Im Hintergrund steht Bolaños eigene Geschichte: 1953 geboren, ging er mit seinen Eltern fünfzehnjährig nach Mexiko. Gemeinsam mit einem Freund gründete er dort die »Infrarealisten«, eine literarische Gruppe, deren hauptsächliche Tätigkeit darin bestand, auf Lesungen arrivierter Autoren für Unruhe zu sorgen. 1972 kehrte er noch einmal kurz nach Chile zurück, nur um sogleich eingesperrt zu werden. Mit Glück entkam er (zum Glück) dem Griff der Pinochet-Diktatur.

1977 ging Bolaño nach Europa, verdingte sich als Tellerwäscher und Campingplatzwächter und hielt sich von der Literatur – oder doch wenigstens vom Literaturbetrieb – fern. Wahrscheinlich war es eine Art Inkubationszeit, eine Zeit der Sammlung, denn als er seine spätere Frau kennenlernte, Vater wurde und sich an der Costa Brava niederließ, brachen die Geschichten nur so aus ihm hervor. Der Legende nach begann er mit dem Prosaschreiben, weil er nur darin einen Weg sah, seine Familie durchzubringen, aber niemand, so viel ist sicher, schreibt geradezu manisch all diese Geschichten von Verrückten und Verschwundenen nur um des Geldes willen.
    
Und wenn schon. Auch Oscar Fate, die Hauptfigur des dritten Teils, ist ein Lohnschreiber, angestellt bei einer Harlemer Zeitung. Eigentlich für soziale und kulturelle Themen bestellt, bekommt er den Auftrag, nach Santa Teresa zu fahren, um über einen Boxkampf zu berichten.
Zuvor (das sei noch erwähnt, denn es ist ein weiteres Beispiel für Bolaños unerschöpflichen Geschichtenvorrat) besucht Oscar Fate einen ehemaligen Bürgerrechts-aktivisten, der in Chicago seltsame, scheinbar vernünftige, in Wirklichkeit aber gebrochene, keiner allgemeinen Logik folgende Reden über »Gefahr«, »Geld«, »Sterne«, »Essen« und »Nützlichkeit« hält.

In Santa Teresa angekommen, wird auch Oscar Fate von der unheimlichen Atmosphäre der Stadt erfasst, unheimlich gerade deswegen, weil von einer »Atmosphäre« eigentlich keine Rede sein kann, denn dieser Stadt fehlt jeglicher Charakter. Es ist eine ganz und gar gesichtslose Stadt. Gelegen an der Grenze zu Arizona, dient sie vor allem der Industrie als strategisch günstiger Standort. Dutzende »maquiladoras«, industrielle Verarbeitungsbetriebe, haben hier ihre Werkstätten, Tausende und Abertausende billiger Arbeitskräfte fristen hier ihr Dasein. In der Hoffnung auf ein besseres Leben sind sie aus dem Süden Mexikos, aus Oaxaca und aus den Staaten Mittelamerikas hierhergekommen. Geld wollen sie verdienen, sei es auch noch so wenig, und vielleicht irgendwann über die Grenze in die USA gehen.
    
Ein Zentrum gibt es in Santa Teresa nicht, dafür endlose Gewerbe-gebiete, Müllhalden, Bahnanlagen. Keine Geschichte, keine Kultur. Zwar existiert eine Universität, aber sie scheint funktionslos und verbindungs-los irgendwo am Rande zu stehen. Alles steht hier am Rande. Santa Teresa ist eine einzige Peripherie, mit der endlosen Wüste immer gleich vor der Tür, nach allen Seiten hin ausufernd und ausfransend.

Es geht um den Tod. Um die vollkommene Entgrenzung von Gewalt, um die gänzliche Aufhebung von Recht und Moral.

Diese Stadt ist ein Transitraum, sie ist das Gegenteil dessen, was man als »Heimat« bezeichnen würde. Ein Nicht-Ort: kalt, abweisend, eine bloße, zufällige, gleichgültige Ansammlung von Menschen und Gebäuden. Es gibt nur eine Eigenschaft, ein besonderes Kennzeichen, das Santa Teresa hervorhebt: Sie ist (wie ihr reales Vorbild) die Stadt, in der so viele Frauen ermordet werden wie nirgendwo sonst in Mexiko und wie nirgendwo sonst auf der Welt.
    
Fate weiß davon vorerst nichts. »Während Fate schlief«, heißt es, »kam eine Reportage über eine in Santa Teresa im nordmexikanischen Bundesstaat Sonora verschwundene Amerikanerin.« Über das Schicksal dieser Amerikanerin wird man im vierten Teil des Romans mehr erfahren. Bemerkenswert an dieser kurzen Sequenz ist aber vor allem die Geradlinigkeit, mit der Bolaño erzählt: »Während er schlief« – wie ein unbeteiligtes Kameraauge blickt der Erzähler hier auf seinen Gegenstand. Schläft seine Hauptfigur, zoomt er sich wahlweise auf die Mattscheibe, über die die Nachrichten von den Verbrechen flimmern, oder er zappt sich in die Träume seines Protagonisten.
    
Der allerdings erfährt bald auch im Wachzustand von den Dingen, die in Santa Teresa vor sich gehen, er lernt eine Journalistin kennen, die ihn bittet, sie zum Interview mit einem inhaftierten Verdächtigen ins Gefängnis zu begleiten.
    
Fate macht die Bekanntschaft von Rosa, der Tochter des wunderlichen Philosophielehrers Amalfitano. Gemeinsam gehen sie aus, in eine Diskothek, und »Fate dachte an Spanien. Er wollte sie (Rosas Freundin) schon fragen, aus welchem Teil Spaniens sie käme, als er sah, wie in einer Ecke des Raums ein Mann eine Frau ohrfeigte. Die erste Ohrfeige riss den Kopf der Frau brutal herum, die zweite warf sie zu Boden. Ohne nachzudenken, versuchte Fate, dorthin zu gelangen, aber jemand hielt ihn am Arm fest. Als er sich umdrehte, um zu sehen, wer ihn zurückgehalten hatte, war da niemand. Drüben in der Ecke der Diskothek versetzte der Mann, der die Frau geohrfeigt hatte, dem am Boden liegenden Körper einen Tritt in den Bauch. Wenige Meter daneben sah er Rosa Méndez glücklich lächeln. Bei ihr stand Corona, der mit gewohnt ernster Miene zur Seite schaute. Coronas Arm lag um ihre Schultern. Von Zeit zu Zeit führte Rosa seine Hand an ihren Mund und biss ihm in einen Finger. Manchmal bissen ihre Zähne zu fest, und dann runzelte Corona leicht die Stirn.« Spätestens hier begreift der Leser, dass es in 2666 ums Ganze geht. Nicht um irgendeine heimelige Künstlerphantasie, um irgendeine Form von Metaliteratur oder philosophischer Spielerei, nicht bloß ums Verschwinden. Es geht um den Tod. Um die vollkommene Entgrenzung von Gewalt, um die gänzliche Aufhebung von Recht und Moral.
    
Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Der Leser spürt das, und auch Oscar Fate spürt das. Ihm wird es gelingen, Santa Teresa zu entfliehen, vorerst zumindest, zurück in die USA, und Rosa wird er mitnehmen. Die Frauen, die zurückbleiben, und die Reporter, die sich auf die Vorgänge in Santa Teresa einlassen, sie dagegen werden mit dem Leben bezahlen.