»In dieser Einöde zu leben, dachte Lalo Cura, während der Wagen mit Epifanio am Steuer das einsame Gelände hinter sich ließ, ist, als würde man auf dem Meer leben. Die Grenze zwischen Sonora und Arizona ist eine Kette geisterhafter oder verzauberter Inseln. Die Städte und Dörfer sind Schiffe. Die Wüste ist ein unendliches Meer. Das Meer ist ein guter Ort für die Fische, die in den tiefsten Gräben leben, nicht für Menschen.«
Und doch leben allein in Ciudad Juárez alias Santa Teresa zwei Millionen Menschen. Mindestens vierhundert von ihnen, Frauen zwischen elf und vierzig Jahren, wurden zwischen 1993 und 2003 ermordet. Wahrscheinlich sind es noch mehr, denn viele werden von niemandem vermisst. Es sind Arbeiterinnen aus den »maquiladoras«, Frauen ohne Familie zumeist, Wanderarbeiterinnen, die keine eigene Geschichte haben – außer der ihres Todes.
Roberto Bolaño erzählt 108 dieser Geschichten, er beschreibt Fundort und Zustand von 108 Leichen. Manchmal werden die in der Regel fruchtlosen Untersuchungen eines Falles ebenfalls mitgeteilt, ansonsten aber bleibt es bei Aussagen wie: »Wahrscheinlich war sie schon mehrere Monate tot. Der Fall kam zu den Akten.« Oder auch: »Der Fall kam still und leise zu den Akten.«
»Dieses ehrfurchterregende, extravagante, phantastische Buch wird das Gemüt des Lesers aufwühlen.«
Stephen Amidon, The Sunday Times
Bolaño hat sich lange mit einem befreundeten Journalisten unterhalten, der über die realen Morde recherchiert hatte und später ebenfalls umgebracht wurde. Auch aus eigener Anschauung kennt Bolaño die Gegend: Schon der Showdown seines Romans Die wilden Detektive spielt in der mexikanischen Wüste, auch hier ist es ein Mann, der sich eine Frau gefügig machen will. Dieser allerdings wird daran von zwei Dichtern gewaltsam gehindert. Im Teil von den Verbrechen, dem vierten Teil von 2666, gibt es dagegen keine rettenden Dichter.
Es gibt nur ein paar Polizisten, die versuchen, die Verbrechen aufzuklären. Aber schon der Name eines Polizisten, Lalo Cura, »la locura«, der Wahnsinn, weist darauf hin, dass die Verbrechen mit normalen Maßstäben nicht zu fassen und schon gar nicht aufzuklären sind. So monströs sind die Dimensionen der Morde, was ihre Anzahl und die angewandte Brutalität angeht, dass es sich kaum um die Tat eines Einzelnen handeln kann. Im Gegenteil, es scheint, als seien alle darin verstrickt: Polizisten, Politiker, Drogenhändler und andere mehr.
Der Wahnsinn scheint die ganze Gesellschaft erfasst zu haben. »Wahnsinn ist ansteckend« heißt es schon im zweiten Teil von 2666, und er wird nun zur entscheidenden Matrix. Der Teil von den Verbrechen legt Zeugnis ab von einer Gesellschaft, in der Vernunft und Unvernunft nicht mehr voneinander zu trennen sind, in der Sinnlosigkeit zum Handlungsprinzip wird. Vielleicht regiert der Wahnsinn noch nicht allein, aber er regiert mit. Er existiert als gleichberechtigter, wenn auch unberechenbarer Koalitionspartner.
Was hat Bolaño dem entgegenzusetzen? Warum hat man nicht den Eindruck von Fatalismus und Gleichgültigkeit? Warum liest man noch die hundertste Beschreibung eines Leichenfunds mit Mitgefühl und mit dem Empfinden, etwas Wichtiges zu erfahren? »Er (der Hausmeister) ging mit einer Decke los und breitete sie über die Tote. Erst da bemerkte er, dass man sie gepfählt hatte. Auf dem Weg zurück zur Schule füllten sich seine Augen mit Tränen. (…) Um zwölf Uhr fuhren zwei Streifenwagen, ein ziviles Polizeifahrzeug und ein Krankenwagen vor und nahmen die Tote mit. Ihr Name wurde nie ermittelt. Der Gerichtsmediziner vermerkte, dass sie seit mehreren Tagen tot war, ohne einen genauen Zeitpunkt zu nennen. Ursächlich für den Tod waren höchstwahrscheinlich die Messerstiche im Brustbereich, es wurde jedoch auch eine Schädelfraktur festgestellt, die der Gerichtsmediziner als primäre Todesursache nicht ausschließen wollte. Das Alter der Toten lag irgendwo zwischen dreiundzwanzig und fünfunddreißig. Ihre Größe betrug einen Meter zweiundsiebzig.«
In den Morden liegt nicht das Geheimnis der Welt: Sie sind die Welt, einfach so.
»Ihr Name wurde nie ermittelt«: Andere hätten mit einem solchen letzten Satz ihren Bericht abgeschlossen. Er klingt, als könnte er auch im Abspann eines Hollywoodfilms stehen. Bolaño aber schreibt weiter, vermerkt noch die wahrscheinliche Todesursache, Alter, Körpergröße. Er verweigert jegliche Effekte und jegliches Pathos. Wenn die Welt auch korrupt ist: Seine Erzählerstimme bleibt fest, unverbrüchlich. Sie ist das Einzige, was er all dem, wovon er erzählt, entgegenhält, und sie gibt auch dem Leser Halt inmitten dieser Welt gefallener Menschen und gepfählter Körper.
Dabei ist diese Stimme niemals von staatstragendem Ernst oder bemühter Objektivität. Die Perspektive des Kameraauges bricht zuweilen auf und lässt Ironie hervorblitzen. So heißt es über einen Gast in einem vegetarischen Imbiss: »Sie hatte kleine, regelmäßige, sehr weiße und spitze Zähne, was ihrem Lächeln eine raubtierhafte Note verlieh, die sich nicht gut mit der Spezialisierung des Restaurants vertrug.« Der zähnefletschende Wahnsinn versteht keinen Spaß, die Vernunft schon.
Die Figuren ähneln eher zufälligen Bekannten als Hauptfiguren. Man geht mit ihnen ein Stück des Weges, dann verschwinden sie und tauchen nur vielleicht wieder auf.
Verbunden sind die Berichte von den Leichenfunden durch einige Figuren, denen der Erzähler eine Zeitlang folgt – Reporter, Polizisten, Verdächtige, die Leiterin einer Nervenheilanstalt –, sogar die Geschichte eines Kirchenschänders zieht sich durch einen größeren Abschnitt. Doch ähneln die Figuren eher zufälligen Bekannten als Hauptfiguren. Man geht mit ihnen ein Stück des Weges, dann verschwinden sie und tauchen nur vielleicht wieder auf. Auch hier verweigert sich Bolaño dem, was man als »dichtes, vielstimmiges Gewebe« bezeichnet. Nie wirkt bei ihm irgendetwas künstlich miteinander verknüpft. Wie ready-mades stellt er die Leichen und ihre posthumen Begleiter aus, in der Anordnung eher zufällig, miteinander verbunden vor allem durch die Sprache. »Niemand schenkt diesen Morden Beachtung, dabei liegt in ihnen das Geheimnis der Welt verborgen«, sagt die alte Florita Almada, eine Hellseherin, irgendwann. Und sie hat nicht ganz unrecht, nur formuliert sie etwas ungenau: In den Morden liegt nicht das Geheimnis der Welt: Sie sind die Welt, einfach so.