Roberto Bolano

5 Der Teil von Archimboldi

2666 erschien 2004 in der spanischsprachigen Welt, ein Jahr nach Bolaños Tod. Einhellig wurde es zum Buch des Jahres erklärt. Als es 2008 auf Englisch erschien, waren Leser und Kritiker in den USA und Großbritannien wie hypnotisiert. Seien Die wilden Detektive schon ein Kultbuch, ja ein Fetisch geworden, so das Time Magazine, werde dieser Erfolg von 2666 noch weit übertroffen, es sei »noch gewaltiger, noch bizarrer, ein Meisterwerk«, kurz: »der herausragendste Roman des Jahrhunderts«. Der New Yorker rief sogar den vergangenen Januar zu einem »National Reading Month 2666« aus. Dreißig Tage lang diskutierten Literaturredakteure der Wochenzeitschrift mit den Lesern im Internet darüber, was sie an dem 1000-Seiten-Werk fasziniert.

Dabei wirkt ein Roman, der Morde, Vergewaltigungen und die Literatur selbst zum Thema hat, auf den ersten Blick nicht übermäßig attraktiv. Doch schon die New York Times Book Review stellte fest, dass es sich bei Bolaño um das Gegenteil eines sterilen, selbstreferentiellen Literaten handle. Der Schriftsteller Benjamin Kunkel sagte, Bolaños Romane hätten zwar die Literatur zum Thema, gingen aber weit darüber hinaus. Auch der irische Romancier John Banville meinte ehrfürchtig, bei Bolaño handle es sich um einen jener seltenen Schriftsteller, die für die Zukunft schrieben, »ein seltsames, schräges Genie«. Jonathan Lethem schließlich, der Autor der Festung der Einsamkeit, schrieb in der New York Times, 2666 definiere die Zukunft der Literatur neu. Dieser Roman sei wie eine Zeitbombe, die, einmal explodiert, ganz unvermeidlich scheine und doch eine Offenbarung darstelle. Mit 2666 habe Bolaño einen Meilenstein gesetzt, der kenntlich mache, was für den Roman als Form möglich sei in einer postnationalen Welt. Es sei ein Buch, so Lethem, das, »während du es liest, deine Gedanken liest«.

 

»Dieser Roman Ist wie eine Zeitbombe, die, einmal explodiert, ganz unvermeidlich scheint und doch eine Offenbarung darstellt.« 
Jonathan Lethem,
The New York Times

 

All das klingt, als habe man es mit einer Offenbarung zu tun. Dabei ähnelt Bolaños Gegenstand eher einer Apokalypse. So heißt es im New Yorker denn auch, das Fundament von 2666 bildeten »tote – gefolterte, missbrauchte – Frauenkörper«. Die New York Times Book Review spricht von einer Welt »endlosen Schiffbruchs«. Für Adam Kirsch (im Online-Magazin Slate) scheint der Roman einen einzigen großen Bogen zu spannen, gleich einer Zeichnung der »Flugbahn des Universums am Rand des Untergangs«. Newsweek nennt 2666 einen Albtraum, aus dem man erwachen will, es aber nicht kann. Time schließlich warnt, 2666 sei ein »gefährliches Buch«, eins, in dessen wildem Chaos man sich verlieren könne.
    
In all diesen Begeisterungsstürmen und Metapherngewittern droht der Roman selbst unterzugehen. Weil er so unfassbar ist, entgleitet er der Kritik immer wieder: Es findet sich einfach kein Schlüssel zu ihm. Die fünf disparaten Teile widersetzen sich dem geschlossenen Bild. Durch Motive und Figuren miteinander verbunden, behauptet doch jeder sein eigenes Recht. Zeitlich überlappen sie zwar, im Ganzen aber bleibt ihre Struktur so undurchschaubar wie die Morde. Nur eins haben die fünf Teile gemeinsam: Sie spielen in derselben Welt, einer Welt, die unmerklich aus den Fugen geraten ist, einer Epoche des grundstürzenden Umbruchs.

Im zweiten Teil spricht der Direktor einer Irrenanstalt davon, dass er die Zeit nahen sieht, in der alle Irrenanstalten ihre Pforten öffnen und die Irren unter den Menschen leben werden. Was wie eine versponnene Vorstellung anmutet, erweist sich im Folgenden allerdings als prophetisch. Tatsächlich ist der Direktor von der Verrücktheit seiner Patienten angesteckt (»Wahnsinn ist ansteckend.«), und er ist nicht der einzige. Die Zeit der offenen Irrenhäuser scheint längst gekommen. »Wir verlieren alle den Verstand«, heißt es in Teil Vier und »tatsächlich ergab das alles keinen Sinn.«
    
Der Wahnsinn hat längst um sich gegriffen, nur ist niemand mehr da, der ihn einsperrt. Kein Mörder wird dingfest gemacht, kein Vergewaltiger festgenommen. Die, die man einsperrt, erweisen sich in der Regel als unschuldig. Und gilt wieder einmal ein Verhafteter ganz zweifellos als der Serienmörder (und teilt selbst der Leser zeitweilig diesen Eindruck), so hört das Morden doch nicht auf. Die Irren, so könnte man meinen, sind längst schon unter uns. Wir selbst müssen allmählich an unserem Verstand zweifeln. »Der Typ war verrückt, verrückt, verrückt, ein echter Irrer, sagte Reinaldo, aber ich befand mich in dem verrücktesten Hotel von Bahía Kino, und neben mir am Fußende des Bettes saß der verrückteste Fernsehmoderator von D.F.«

 

»Der erste große Roman Bolaños, Die wilden Detektive, war ein gewaltiges, bizarres Epos, das bei den Lesern sofort Kultstatus erlangte und für die Kritiker zum Fetisch wurde. Der letzte große Roman Bolaños hat den Titel 2666, und wenn man über ihn eines mit Sicherheit sagen kann, dann dies: Dieser Roman ist noch gewaltiger und noch bizzarer als der erste. Auch er ist ein Meisterwerk, das elektrisierende literarische Ereignis des Jahres.«
Lev Grossman, Time Magazine

    
In den hymnischen Besprechungen, die 2666 in den USA erhalten hat, wird Bolaño mit Don DeLillo, Philip K. Dick, David Forster Wallace, Denis Johnson, Jorge Luis Borges und James Ellroy verglichen, mit Charles Dickens, William Faulkner, David Lynch und Stanley Kubrick. Immer wieder werden auch Joyce’ Ulysses, Musils Mann ohne Eigenschaften und Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit herangezogen. Doch damit soll wohl hauptsächlich die weltliterarische Größe Bolaños betont werden. Denn wenn 2666 einen Verwandten im Geiste hat, dann ist es Miguel de Cervantes’ Don Quijote – der Roman als solcher, nicht die närrisch-lustige Hauptfigur. Im Don Quijote nämlich ist der Wahnsinn, ist die Verrücktheit noch ein ganz natürlicher Teil der Welt. Der Ritter von der traurigen Gestalt repräsentiert die Unvernunft, die in den folgenden Jahrhunderten von der Vernunft ausgegrenzt und stigmatisiert werden wird. Hier, in der Mancha, lebt sie noch als gleichberechtigter, ungefährlicher Teil des Ganzen. Wenig später sollte das nicht mehr möglich sein.
    
Michel Foucault war es, der Anfang der 1960er Jahre die Geschichte dieser Teilung geschrieben hat. In seinem Werk Wahnsinn und Gesellschaft zeigt er, wie seit Descartes, also wenige Jahre nach Erscheinen des Don Quijote, der Wahnsinn plötzlich allgemein als »Krankheit« angesehen wurde, als etwas, das es auszurotten galt.
    
Diese Epoche scheint nun vorbei, nicht erst seit gestern und nicht erst seit den Frauenmorden von Santa Teresa/Ciudad Juárez. Der Wahnsinn lässt sich nicht heilen und nicht verdrängen, und nun ist er dabei, seinen Platz einzunehmen in der Welt. Und dieser Platz erscheint nun nicht mehr im milden Licht der Renaissance, sondern in der grellen Wüstensonne der Moderne.
    
Der fünfte und letzte Teil von 2666 nähert sich diesem Epochenwandel historisch: über einen deutschen Dichter und über den Zweiten Weltkrieg. Der Teil von Archimboldi erzählt die Lebensgeschichte jenes Dichters, auf dessen Spuren die vier Literaturwissenschaftler des ersten Teils nach Santa Teresa gereist sind.
    
Archimboldi, 1920 als Hans Reiter an der deutschen Ostseeküste geboren, ist ein sonderbarer Mensch. Von der Unterwasserwelt und vor allem von den verschiedenen Arten der Algen fasziniert, gerät er bei seinen Tauchgängen mehrmals in Lebensgefahr. Als Jugendlicher arbeitet er auf dem Landsitz eines Barons. Hier lernt er den Neffen des Barons kennen, einen Hallodri, der immer wieder Wertsachen aus dem Schloss mitgehen lässt, um sein urbanes Lotterleben zu finanzieren. Reiter hilft ihm bei seinen Vertuschungsaktionen: »Damit niemand die entwendeten Dinge vermisste, schlug er Halder vor, das übrige Personal mit willkürlichen Umräumaktionen zu beauftragen, sie Zimmer unter dem Vorwand des Lüftens ausräumen, alte Truhen aus dem Keller heraufholen und später wieder zurücktragen zu lassen. Mit einem Wort: Die Ordnung der Sachen zu verändern.« Dem deutschen Leser mag hier Die Ordnung der Dinge (Les mots et les choses) in den Sinn kommen, ein weiteres Buch von Michel Foucault. Und tatsächlich werden im Teil von Archimboldi mehr als nur ein paar Truhen verrückt. Dieser letzte Teil handelt von einer Welt, die aus den Fugen gerät. Es ist, als wären die Verrückten alle gleichzeitig aus ihren Anstalten ausgebrochen.

Der Wahnsinn lässt sich nicht heilen und nicht verdrängen, er ist dabei, seinen Platz einzunehmen in der Welt. Und dieser Platz erscheint nun in der grellen Wüstensonne der Moderne.

Der Unterschied zwischen Wahnsinn und Vernunft ist kaum mehr auszumachen, es gibt keine festen Kategorien mehr. Die Exzesse des Zweiten Weltkriegs, an dem Archimboldi auf deutscher Seite teilnimmt, sind mit daran schuld. Der Massenmord hat auch die moralischen Kategorien ausgemerzt. »Anschließend sprachen sie über den Mord. Der SS-Offizier sagte, das Wort Mord sei ein zweischneidiges, zweideutiges, ungenaues, vages, unbestimmtes Wort und eigne sich bestens für Kalauer. Hoensch pflichtete ihm bei. General von Berenberg sagte, er überlasse die Gesetze lieber den Richtern und den Gerichtshöfen, und wenn ein Richter sage, eine Tat sei Mord, dann sei es Mord, und wenn ein Richter und ein Gericht urteilten, dass es kein Mord sei, dann sei es eben keiner, basta.« Und wenn es keine Gerichte gibt oder die Mörder auf den Richterstühlen sitzen, dann, so die Logik, die völlige Umkehrung der Verhältnisse, ist man im Recht. Mehr noch: »Ein Mörder ist im Grunde gut. Wir Deutschen wissen das. Na und? Ich kann eine ganze Nacht mit einem Mörder zusammen trinken, und wenn wir dann gemeinsam die Sonne aufgehen sehen, singen oder summen wir vielleicht ein Stück von Beethoven. Na und? Vielleicht weint der Mörder an meiner Schulter. Normal. Mörder sein ist nicht leicht.«

Am Ende des Krieges, in einem Kriegsgefangenenlager, unterhält sich Archimboldi mit einem Organisator des Judenmords, einer Art Westentaschen-Eichmann. Ein anderer an meiner Stelle, sagt dieser zu Archimboldi, hätte all die Juden eigenhändig umgebracht. Er habe das nicht getan: »Das liegt nicht in meiner Natur.«In seiner Natur aber liegt es, dies anderen zu überlassen, oder besser noch: in seiner Kultur. Es geht in 2666 nämlich nicht, wie William Deresiewicz in The New Republic schreibt, um die »Natur des Bösen«, sondern um eine Kultur des Bösen, um einen tiefgreifenden kulturellen Wandel: Die Aufhebung der Trennung von Vernunft und Unvernunft, von Recht und Unrecht, von Moral und Unmoral. Was dabei entsteht, ist die völlige Entgrenzung, ist die »Freiheit der Irren« (Foucault). Eine sicherlich nicht wünschenswerte Freiheit.

 

»Wozu ist die Literatur fähig, inwieweit kann sie die Übel unserer Welt aufdecken und es wagen, sie beim Namen zu nennen? Bolaño hat bewiesen, dass Literatur dazu fähig ist und für das Namenlose Worte finden kann.«
Jonathan Lethem, The New York Times

 

Dass man sie jedoch nicht hinzunehmen braucht, dass sie vermeidbar ist, beweist Bolaño mit seinem Buch. Es lässt die Welt nicht im sprachlosen Gebrabbel des Wahnsinnigen untergehen, sondern beharrt darauf, dass die Dinge sich in präzisen Worten festhalten lassen, dass nicht alles ein großes Durcheinander ist, sondern sich erinnern lässt, in lose miteinander verbundenen, aber festen, von klarem Denken geprägten Blöcken.

   
»Und schließlich kommen wir zu Archimboldis Schwester, Lotte Reiter«, heißt es nach über tausend Seiten und nach Dutzenden, ja Hunderten Lebensgeschichten, denn auch Lottes Geschichte will noch erzählt, will noch erinnert werden und nicht in den grauen Untiefen des Unbewussten und der Gleichgültigkeit untergehen. »Wo wir auch gruben, tauchten Knochen auf«, sagte der kriegsversehrte Hauptmann. Wie notwendig es ist, diese Knochen zu sortieren, zeigt Roberto Bolaño. Das muss gesagt werden, muss benannt und erzählt werden: So stemmt sich die Vernunft gegen den Wahnsinn, behauptet sich das Individuum gegen die eigene Zersetzung. Nur so rechtfertigt sich der Mensch vor sich selbst.