Roberto Bolano
 

»2666 stand auf dem Titelblatt, und weder dem Verleger noch dem Kritiker, der mit der Herausgabe des Werks betraut wurde, mag dieser Name eingeleuchtet haben.«

 

Tobias Lehmkuhl

 

Warum 2666?

Roberto Bolaño, © The Estate of Roberto Bolaño
Roberto Bolaño, © The Estate of Roberto Bolaño

Ist 2666 eine Jahreszahl? Ein Symbol für die Unendlichkeit vielleicht? Oder handelt es sich um einen Geldbetrag, eine Hausnummer, eine sexuelle Position?

Dreizehn Bände Prosa hatte Roberto Bolaño in den letzten elf Jahren seines Lebens veröffentlicht, und als wäre das nicht genug, übergab er wenige Tage vor seinem Tod seinem Verleger das Manuskript zu einem weiteren Roman, einem Roman, der eigentlich aus fünf Romanen besteht und der beinahe so lang ist wie all das zusammengenommen, was Bolaño bis dahin geschrieben hatte.

2666 stand auf dem Titelblatt, und weder dem Verleger noch dem Kritiker, der mit der Herausgabe des Werks betraut wurde, mag dieser Name eingeleuchtet, mag er überhaupt irgendetwas gesagt haben. So umfangreich das Manuskript auch war: 2666 Seiten umfasste es dann doch nicht. Überhaupt findet die Zahl im Text selbst keinerlei Erwähnung.

In einem anderen Roman Roberto Bolaños allerdings taucht sie auf: In Amuleto (1999, deutsch 2002) wandert die Protagonistin durch das nächtliche Mexiko-City und vergleicht die Avenida Guerrero mit einem vergessenen Friedhof aus dem Jahre 2666, »einem Friedhof, vergessen hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, dem wässerigen Rest eines Auges, das etwas vergessen möchte und alles vergessen hat«.

Aber auch dieser Zusammenhang wirkt rätselhaft und liefert wenig Aufschluss. Ist 2666 also eine Jahreszahl? Ein Symbol für die Unendlichkeit vielleicht? Oder handelt es sich um einen Geldbetrag, eine Hausnummer, eine sexuelle Position? Leicht könnte man auf den über 1000 Seiten des Romans ein Wort oder einen Satz finden, die einen ansprechenden oder schlagenden Titel abgegeben hätten. Aber, so wird einem nach der Lektüre dieses Opus Magnum bewusst, kein einzelnes Wort und auch kein Satz würde ausreichen, um 2666 auf den Punkt zu bringen. Zu umfassend, zu vielgestaltig ist dieser Roman, als dass sich aus ihm eine Art Essenz destillieren ließe, die sich als Titel eignete.

Doch liegt in der Zahl mehr als bloß eine hilflose Geste oder Verlegenheitslösung. Vielmehr steht sie wie eine Chiffre für den Anspruch des Romans, ein riesiges, möglichst umfassendes und vielleicht nur vom Tod unterbrochenes Panorama zu erstellen, von unzähligen Figuren und Geschichten zu erzählen und dabei auch die dunklen Stellen, die unklaren Ränder nicht auszublenden, also auch das zu benennen, was sich in keine herkömmliche Logik fügt und auf immer unverständlich bleiben wird. Oder wie es im Roman selbst heißt: »Auch hier übten sich die Worte eher in der Kunst der Verschleierung als in der Kunst der Enthüllung. Oder vielleicht enthüllten sie auch etwas. Aber was, das kann ich Ihnen leider nicht sagen.«

So verhält es sich auch mit der Zahl 2666: Sie spricht von etwas, wofür es keine Sprache gibt.

Tobias Lehmkuhl